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Geschichtliches

Fragen zum Labyrinthmythos

Text aus der Broschüre → Projekt Labyrinth [1990]; diese Broschüre befindet sich auch als Online-Version in der Rubrik → Der Anfang.

Die hier zusammengetragenen Thesen und Fragen zur Labyrinthgeschichte sind ein Versuch, Mythos und Geschichte des Labyrinths (kretischer Typ) aus der Sicht von Frauen darzustellen und zu hinterfragen.

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf aktuelle Forschungen über matriarchale Kulturen und über das Labyrinth.

Das Labyrinth ist in vielen Formen und unter vielen Namen überliefert: auf Felszeichnungen, als Bauwerk, als Zeichen eingelassen in Böden und Wänden, als Steinsetzungen in der Landschaft, durch Spiele, Tänze und Rituale, in der Literatur und mythischen Geschichten und durch Bezeichnungen im Volksmund. Die Herkunft und die genaue Bedeutung des Wortes “Labyrinth” sind unbekannt. Vorkommen, Interpretationen und Verbreitung des Labyrinths sind vor allem im indoeuropäischen Kulturkreis erforscht worden. Die ältesten Zeichen sind Felsritzungen und Steinsetzungen, die meist in der Nähe von Kultanlagen plaziert sind. Die unterschiedlichsten Fundorte in Spanien, Kaukasus, Indien, Skandinavien etc. zeugen von einer weiten Verbreitung.

Wir beleuchten hier stellvertretend nur das Labyrinth des mykenisch minoischen Kreta, weil der sog. “Minotaurus-Mythos” die Grundlage für die meisten gegenwärtigen Labyrinth-Vorstellungen darstellt. Das Zeichen erscheint dort auch auf vielen Münzen (um 1400 v.u.Z.), was bedeutet, dass es damals allgemein bekannt war.

Das frühgeschichtliche Labyrinth hat einen vorgegebenen, kreuzungsfreien Weg, der, zwar auf Umwegen, aber sicher zum Zentrum und wieder hinaus führt.

Im heutigen Sprachgebrauch steht der Begriff Labyrinth meist als Metapher für: unübersichtlich, verwirrend, irr, auswegslos. Als Bau oder Anlage steht das Zeichen für: Irrgarten, Sackgasse, Gefängnis. Bei dieser Labyrinthvorstellung gilt es, auf dem Weg zwischen richtig oder falsch zu entscheiden.

Die vielschichtige Bedeutung des Ur-Labyrinths hat, nach Übereinstimmung vieler Forscher und Forscherinnen, einen kultisch/religiösen Hintergrund. Die Fundorte (Nähe Höhlen gebaute Kultanlagen) verweisen darauf, aber auch das Labyrinth selbst, als Zeichen für einen Kultort, als Zeichen für den Leben- und Tod-Zyklus.
Auch die Vorstellung des Labyrinths als Bewegungsmuster für Tanz/Kulthandlungen (z.B. Menschenreihe) gibt dem Weg, der hinein und hinaus führt, eine symbolische Bedeutung wie ein- und ausatmen, leben und sterben etc.
In der Ilias wird ein Pendel-Tanz im Zusammenhang mit einem Herbst-Ritual beschrieben. Tanzvorstellungen des Labyrinths sind auch auf Krügen dargestellt und unter den Namen Kranich- oder Jungferntanz überliefert.

Die neuere Forschung sieht dieses Zeichen eindeutig in einem Kult-ur-ellen Zusammenhang und kommt zur Schlussfolgerung, dass “wir (im minoischen Kreta) einen grossen Kult vor uns haben, in welchem die weibliche Form der Gottheit den obersten Platz einnimmt”.

“Ein Honigtopf für alle Götter”
“Ein Honigtopf für die Göttin des Labyrinths”

Zusammenfassung:

Das Kretische Labyrinth war kein Irrgarten, wo das Ungeheuer Minotaurus festgehalten wurde. Der Weg, ein Weg, der hinein- und wieder hinausführt, war kein Irrweg sondern Umweg. Dädalus hat das Labyrinth weder erfunden noch gebaut (?), das Labyrinthzeichen ist viel älter.

Das Kretische Labyrinth war ein matriarchales, kultisches Zeichen, eine Anlage, wahrscheinlich ein Tanz- und Kultplatz, wo von Frauen geprägte Leben/Tod- und Wiedergeburt-Rituale im Jahreszeitenzyklus gefeiert wurden. Beide, das Labyrinthzeichen und der Göttin/Kuh/Stierkult, verweisen u.a. auf den Wiedergeburtsglauben.

Die bekannteste Prägung erfuhr das Kretische Labyrinth durch den griechischen Minotaurus-Mythos. Noch heute geistert er einseitig interpretiert durch Literatur, Geschichte, Kunst und Philosophie.

(…)

Wie wird ein klares Zeichen zum Zeichen für Irrweg?
Wie wird ein Zeichen, das im geistigen und körperlichen Sinne im Zusammenhang mit der Erde und der Frau erscheint, zu einem Zeichen für Verwirrung und Chaos?
Wie wird ein Kultplatz zum Gefängnis?

Was bedeutet es, wenn in vielen Überlieferungen des “Minotaurus-Mythos” sämtliche weibliche Bezüge gestrichen werden oder höchstens noch Ariadne als holde Maid erscheint?

Was musste hier überwunden werden: “Theseus («derjenige der bestimmt») überwand das Ungeheuer, als Symbol einer grausamen, rätselhaften Kultur”. Oder: “Theseus befreite die Menschheit von der wilden, primitiven Sinnlichkeit, um auf höhere Ebenen zu gelangen”.

Europa gab unserem Kulturkreis den Namen und Kreta gilt als Wiege Europas.
Was ändert sich, wenn es von nun an heissen würde: Der Ursprung Europas war eine Matriarchale Hochkultur?

Ariadne hielt den Faden des Wissens in der Hand und gab ihn weiter.
Was ändert sich, wenn dieses Bild für uns Frauen wieder seine Gültigkeit hat?