Hintergrund

Hintergrund

Die Vision der öffentlichen Frauenplätze

Projektbeschrieb November 1988
Das Labyrinthprojekt 

(Text aus dem Wettbewerb “Zürich morgen”)

“Zielsetzung

In der Stadt Zürich möchten wir im Jahr 1991 zwei Labyrinthenplätze errichten:

Mit dem Labyrinthenplatz möchten wir ein öffentliches Forum schaffen, auf welchem die verschiedensten Kulturbereiche miteinander in Beziehung kommen. Diese neuartige Kunstform bietet eine interessante Möglichkeit, die verhängnisvolle Trennung der verschiedenen Bereiche unseres Lebens, die lebenszerstörerische Spezialisierung des Wissens, sichtbar und veränderbar zu machen. Ein Labyrinth bietet Gelegenheit, die komplexen Lebenszusammenhänge bildhaft darzustellen.

Das Labyrinthen-Projekt entspricht der Realisierung einer visionären Vorstellung:

So selbstverständlich wie Fussballplätze, Hallenbäder und andere öffentliche Einrichtungen, sollte in grösseren Gemeinden und Städten den Einwohnerinnen und Einwohnern ein Labyrinthenplatz zur Verfügung stehen. Das Labyrinth wäre ein von Frauen initiierter und verwalteter Frauenplatz. Als öffentliches Forum aber, als Ort der Kommunikation, ist es für alle Interessierten zugänglich, erlebbar und in Absprache mitgestaltbar.

Die Schaffung eines Labyrinthes ist ein zukunftgerichtetes Experiment, eine Reaktion auf das gestörte Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, eine Experiment, das auf eine neue Form soziokultureller Begegnung hinweist.

Wir möchten ein neu zu bedenkendes, politisches Forum gründen. Als äussere Form wählen wir hierfür das Labyrinth als Vorbild. Die Matriarchatsforschung hat gezeigt, dass das Labyrinth Jahrtausende hindurch eines der bedeutendsten Bildsymbole der Menschheit war. Das Labyrinth war/ist u.a. ein Bild unserer Erde und zugleich auch ein Bild jedes Individuums.

Heute können wir nicht mehr von einem ganzheitlichen Weltbild ausgehen. Dennoch bietet die Struktur des Labyrinthes einen Lebensplan an, der verbindlich auf die unvergänglichen und aktuellen Daseinsbedingungen hinweist.

Ein Labyrinth hat auch immer eine zukunftsweisende Aussage, die eine Orientierung bietet, indem sie zeigt, dass das Leben sich nie endgültig festlegen lässt, was bedeutet, dass wir uns immer neu den prozessualen Ereignissen stellen müssen.

In den Labyrinthen sollen die Themen des Lebens zwischen Geburt und Tod aus spiritueller, philosophischer, ökonomischer, ökologischer, sozialer, historischer, künstlerischer und medizinischer Sicht erlebbar gemacht werden.

Alle diese speziellen Eigenschaften machen das «Prinzip Labyrinth» zu einem grenzüberschreitenden Medium. In dem Sinne ist dann auch das Labyrinthenprojekt nicht etwas typisch «Nationales», sondern eher «Länderverbindendes».

In Zürich wollen wir eine wegbereitende Idee konkretisieren, ein Pionierprojekt starten, das später als Orientierungsmodell weiteren ähnlichen Projekten zur Verfügung steht. In Zürich wollen wir ein demokratisches Konzept erarbeiten und die Koordination für dieses länderübergreifende Frauenprojekt übernehmen, zukünftigen Gruppen im Kanton Zürich, in der Schweiz oder anderen europäischen Ländern unsere Ersterfahrungen und Konzepte zur Verfügung stellen.

Die zwei Labyrinthenplätze sollen während den öffentlichen Veranstaltungen gemeinsam «gebraucht» werden, da sich der eigentliche Sinn des Labyrinthes immer erst im Begehen offenbart. Auf dem labyrinthischen Weg mit seinen Windungen und Pendelbewegungen, im Gehen zur Mitte hin und wieder zurück, verbergen sich die Grundmuster der Lebensprozesse. In der Vielfalt der Bewegungsformen sind die Bedingungen aller kreativen Prozesse zu verstehen, d.h. mit den Füssen und dem ganzen Körper zu bestehen. Indem wir immer, wenn wir vorwärts schreiten, zur Mitte kommen, vermittelt uns das Labyrinth ein Lebensbild des Vertrauens. Dies, obschon wir wissen, dass wir – wenn wir einmal im Zentrum angelangt sind – auch wieder hinausgehen müssen. Die Labyrinthe sind darum auch nicht mit den «sinnentleerten» Irrgärten zu vergleichen, die dieser «sinngebenden» Funktion entbehren.”

Weiter führende Literatur: → Kern [1982]

Frauenplätze
Frauen gehen auf die Strasse – das Labyrinth als neues Kulturmuster 

Text aus der Broschüre → Projekt Labyrinth [1990]; diese Broschüre befindet sich auch als Online-Version in der Rubrik → Der Anfang.

Seit dem letzten Jahrhundert gehen Frauen demonstrativ auf die Strasse, um sich gegen die rechtlichen und ökonomischen Ungerechtigkeiten zu wehren. Diese Anliegen, obwohl mittlerweile vielfach geäussert und gewandelt, sind in ihrem grundsätzlichen Anspruch von gleichen Rechten und Möglichkeiten immer noch aktuell, und zwar in allen gesellschaftlichen (Macht-)Bereichen.

In einer zweiten Phase erkennen die Frauen die fraueneigenen Werte und Themen. Auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Spiritualität, der Politik, der Kunst und in allen soziokulturellen Bereichen findet eine umgreifende Neuorientierung statt. Gleichzeitig zu diesem Prozess werden die Zusammenhänge der Gewalt gegen die Natur und der Gewalt gegen die Frauen deutlich. Die Frauen reagieren auf dieses Erkennen unmissverständlich mit Aktionen, die ihren Widerstand gegen diese Gewalt spiegeln. die Demonstrationen wecken ein grosses Potential von Frauensolidarität und bringen die aktiven Frauen gemeinsam auf die Strasse. In diesem Sinne sind sie wichtig und notwendig.

In der Tatsache der bedrohten Erde und des gestörten Gleichgewichtes von Mensch und Natur entsteht eine neue Sichtweise. Die Kreisläufe der Natur werden in Beziehung gebracht mit den gesellschaftlichen Realitäten. Das ökologische Denken wird zum Grundprinzip eines neuen, von Frauen wesentlich mitgestalteten Bewusstseinswandels.

Frauen nehmen ihre eigene Verantwortung wahr und hinterfragen sie.

Die herkömmlichen Formen, welche im Kampf gegen das Lebensfeindliche wirksam sind, genügen nicht mehr. Um diese neuen Aufgaben übernehmen und lösen zu können, müssen wir neue Kulturmuster finden und/oder erwirken.

Aus unseren bisherigen Tätigkeiten und Studien mit dem Labyrinth wuchs die Idee, den oben beschriebenen Bewusstseinswandel in der labyrinthischen Form darzustellen. In seiner uralten Weisheit hilft das Labyrinth, wie keine andere Kulturform, bei der Erforschung der Lebensgesetze.

Durch das Gestalten von labyrinthischen Bildern entsteht eine neue Kommunikationsform. Mit einem vorbereiteten Bild fordert die jeweilige Gruppe ZuschauerInnen auf, teilzunehmen, dieses Bild zu verändern und weiterzuentwickeln. Kombinationen können sich entfalten. die gesellschaftlichen Zwänge werden für die Dauer des Erlebnisses aufgehoben.

Im Labyrinth bekommen lebendige Bilder in ihrer Wirksamkeit eine symbolische Kraft.

Charakteristisch an der labyrinthischen Arbeit ist ihr Erscheinen und ihr Verschwinden. Die Bilder entstehen auf der Bildfläche und verschwinden wieder. Seit uralter Zeit wird einem solchen Geschehen eine heilende Kraft zuerkannt.
Die heilende, symbolische Kraft wirkt in den daran beteiligten Personen weiter.

Im Rahmen einer nicht abbrechenden Diskussion entstehen neue Visionen 

Diese befinden sich im → Archiv.