Kultur und Kunst

Kultur und Kunst

Das Labyrinth im kulturellen Kontext

Wandlungen und Umwandlungen

Auszüge aus einem Artikel für die Zeitschrift Lachesis [www.lachesis.de/zeitschrift.html]
von Rafaela Schmakowski

Bereits vor Tausenden von Jahren erschufen sich die Menschen kulturelle, religiöse Festkalender verschiedenster Art auf dieser Grundlage, die bis in die heutige, moderne Zeit ihre Gültigkeit bewahrt hat. Die vier Sonnenwenden und die vier Mondphasen bilden die Grundlagen des festlichen Jahreskreises, der in den letzten drei Jahrzehnten der Frauenbewegung wiederbelebt wurde. In den christlichen Kirchenkalender wurden sie seit Jahrhunderten patriarchal eingepasst und sind dort fest verankert von Mariä Lichtmess über Ostern und Johanni bis Allerheiligen und Weihnachten oder – vom Ursprung her: vom Lichterfest über die Frühling Tag- und Nachtgleiche und Sommer Sonnenwende bis zum Gedenken der AhnInnen und zur Winter Sonnenwende. Das Ähnliche ist des Authentischen ärgster Feind! Ein siebengängiges Labyrinth fügt sich aus einer einzigen Mondbahn und einer einzigen Sonnenbahn spiralförmig zusammen und stellt das symbolische Zeichen für die gemeinsame Zeit von Mond und Sonne dar. Die sieben Labyrinthpfade verlaufen zwischen den drei Sonnenbögen und vier Mondbögen. Wenn wir diesen Pfaden folgen, bewegen wir uns im Auf und Ab, im Hin und Her der Gestirne, die Tag und Nacht, Monat und Jahr auf der Erde prägen. Ein Labyrinth ist demzufolge kein Irrweg, ganz im Gegenteil, es ist auch kein Gleichnis für den persönlichen Lebensweg mit seinen Irrungen und Wirrungen, wie es heutzutage oft interpretiert wird und vor allem ist es kein “Timeplaner” einer linearen Zeit, mit der uns der Julianisch-Gregorianische Kalender in seinem System des 24 Stunden Tages, 30 Tage Monats, mit 52 Wochen und 365 Tagen im Sonnenjahr in den Fängen hält – und in dem der Mond nur als Randnotiz irgendwie mitläuft.

Das Labyrinth ist ein kunstvoller Wegweiser für die Feier des Lebens, ein Symbol der Zeit, ein festlicher Kalender, der den Zyklen von Mond und Sonne gerecht wird, die unser kulturelles Leben gestalten und eine sichtbare und berechenbare himmlischen Ordnung darstellen. (…)

Die großen kretischen Zeremonien im Zeichen der Zeit von Venus, Mond und Sonne sind in den Palastanlagen von Knossos zum Teil als Fresken erhalten geblieben. Sie sind ein Zeugnis höchster Kultur und Schönheit.

Das Labyrinth ist der Struktur des Herzens so ähnlich, als seien beide einem gemeinsamen Schöpfungsplan entsprungen. Das Herz hat vier Kammern, so wie das Labyrinth vier Kammern hat, in die die vier Enden der Doppelspirale münden. Das elektrische Potenzial der Reizleitungen durchströmt den Herzmuskel und dieser folgt dem spiralig fließenden Strom, ebenso, wie die spiralförmigen Pfade des Labyrinths hin und her schwingen. Das Herz pulsiert rhythmisch, das Labyrinth auch. Das Herz, das Labyrinth, sie schwingen im Takt. Welche Schöpfungskräfte liegen nun der strukturellen Entwicklung des Herzens und der des Labyrinthes zugrunde? Es sind dieselben. Es ist der Zyklus der Gestirne, der kosmische Rhythmus von Sonne, Mond und Sternen. Hier sind die gemeinsamen Wurzeln für Labyrinth, Herz und Schmerz, in dieser kosmischen Spirale sind die prägenden Kräfte für das Leben auf der Erde zu finden, für die Natur, für alle Wesen, für Kunst und Kultur, Religion, Gesellschaft und Politik. Eine kalendarische Zeit prägt die gesellschaftliche Ordnung oder Unordnung, prägt uns und unser Leben, die Gefühle und das Herz, bis in die Knochen, bis in die Struktur der DNS, sie ermöglicht und verursacht Freude oder Schmerz. Das Labyrinth ist wie ein Echo, wie eine kleine Heimat der kosmischen und harmonischen Ordnung und deshalb ist es ein Seelentrost in der heutigen Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät, weil die Zeit ihrer zyklischen Dimension beraubt in eine unbekannte Zielgerade rast. Ich vermute, dass die Labyrinthbewegung in den westlichen Ländern aus Sehnsucht nach Ordnung und Maß, nach Harmonie und Einssein entstanden ist und sich deshalb immer weiter ausbreitet. (…)

© Rafaela Schmakowski

Ich glaube, dass das Labyrinth zu durchschreiten der Gefühllosigkeit und der Gewaltbereitschaft Einhalt gebieten kann. Das mag vielleicht naiv klingen, aber ich habe genau das erlebt. Die Menschen strahlen, die Kinder jubeln, Begegnungen finden statt. Der Rhythmus des Labyrinths kommt dem Herzen bekannt vor, es fühlt sich aufgehoben und berührt, die Enge wird weichen, es wird lächeln, das Lächeln steigt in die Augen, der Geist wird wach, die Kräfte gestärkt, der Schmerz gemildert, das Interesse an der Welt geweckt, für Andere und Anderes. Die Augen werden geöffnet für den Mond am Himmel, für das Leuchten der Sterne, für die Schönheit des Labyrinths, für seinen Zauber, seine Magie, für die Ruhe in der Bewegung, für das Leben im Moment, im Gehen, Weitergehen.

Rafaela Schmakowski
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