Kultur und Kunst
Das Labyrinth im kulturellen Kontext
Ein Stein für Wetzlar – Dank an Mutter Erde und ihre Töchter
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Hier steht Sie, “Mutter Erde”, im Steinbruch von Burgpreppach bei Bamberg
– alt ehrwürdig und wie schon immer da gewesen.
Nach mehreren Wegschleifen ist Sie uns begegnet – den verantwortlichen Frauen des Labyrinthprojekts Wetzlar und mir, der Bildhauerin Eva-Gesine Wegner. Nun wartet Sie auf den Ort Ihrer neuen Bestimmung: das Labyrinth in der Cochester-Anlage in Wetzlar.
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Freitag, 10. Juni 2005
Heute sollte der Stein in der Colchester-Anlage von Wetzlar gesetzt werden. Sein
Standort ist ausgehoben und mit Schotter vorbereitet.
Ich fiebere dem besonderen Moment entgegen, in dem der Stein dem Lastwagen entschwebt, sich wie schwerelos in den Himmel bewegt und dann behutsam, behutsam in der Position auf die Erde aufsetzt, die seine ganze Schönheit und Kraft am Ort zur Geltung bringt. Jede kleinste Wendung verändert seine Beziehung zum Umfeld. Es ist ein Moment von höchster Präsenz und gleichzeitigem Einssein mit dem zukünftigen Prozess.
Pünktlich sind alle Verantwortlichen und ein Grüppchen von Interessierten am Labyrinth. Blinklicht kündigt den Lastwagen an. Der Stein ist da! Freudiges Begrüßen – ja, er ist sehr schön! Blaue Gurte werden ihm angelegt. Gespanntes Warten auf den Kran von der Baustelle nebenan.
Dann die Meldung: Der Kran hat ein so großes Eigengewicht, dass er die Mühlgraben-Brücke nicht überqueren kann. Die nächst mögliche ist gesperrt. Was nun? Aufgeregtes Telephonieren des Leiters des städtischen Betriebsamtes nach weiteren Lösungen. Ohne Erfolg. Der Lastwagen wird mit seiner ungewöhnlichen Fracht übers Wochenende auf den benachbarten Parkplatz gestellt.
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Samstag, 11. Juni 2005
Schade, schade. “Mutter Erde” wäre sicher gerne am Abend drauf
Zeugin gewesen, wie 365 Paar knallrot lackierter Schuhe in einer Performance von
Ursula Eske im Labyrinth ihre Geschichten erzählen.
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Montag, 13. Juni 2005
Sigrid Kirdorf am Telefon: Der Stein steht! Und, oh Wunder, er steht genau in der
vorgesehenen Position! Die Verantwortlichen der Stadt haben ihm um 7.30 Uhr seinen
Platz gegeben. Grenzüberschreitung? Oder geglücktes Zusammenspiel? Für
Sigrid und mich ist es Letzteres. Ich höre das Labyrinth als Widerspiegelung des
Lebensweges sagen:
Lass die Kontrolle los,
vertraue ins Leben,
sei offen für Überraschungen!
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Nun kann's losgehen!
Der Umzug aus Bayern ins Hessenland ist geglückt.
Noch haben beide – Stein und Labyrinth – Zeit, sich miteinander vertraut zu machen.
Die Labyrinthwochen in Wetzlar sind eröffnet.
Eine frühe Morgensonne begrüßt den festlich geschmückten Platz. In hoher Präsenz begleitet der Stein das Geschehen – in Erwartung.
Erste Meißelspuren legen behutsam unter dunkler Patina den warm-gelben Kern frei.
Ein Wesen nimmt vorsichtig Form an.
Lebendige Kommunikation.
Das Kinn reizt und animiert.
Ein Gesicht blüht auf. Ein Auge beginnt zu sehen. “Augen-Blick bitte” heißt am selben Tag ein Seminar am Labyrinth.
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Licht und Schatten
In der Nähe des Labyrinthplatzes und beim Arbeiten am Stein im Blickfeld befindet
sich ein weiter, eher ungeliebter dunkler Platz.

Ich entdecke, daß dieser Platz zusammen mit dem Labyrinth eine liegende Acht bildet – eine Lemniskate, Sinnbild für Ganzheit.
“Mutter Erde” steht genau am Schnittpunkt von Helligkeit und Dunkelheit. Sie ist das Dritte, die verwandelnde Integration der Pole.
“Mutter Erde” vermittelt mir einen neuen Blick auf alte Zusammenhänge: Der dunkle Platz war früher ein Brunnenplatz. 20’000 Bovis-Einheiten sind seine heute gemessene Energie. Wer hätte das gedacht.
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Das Ohr
Nico stellt seine irische Harfe neben der “Mutter” auf. Seine Hände
befreien wundervolle Töne.

Im Laufe des Tages hatte die Steingestalt Umrisse eines großen Ohres bekommen. Noch ist der Gehörgang nicht entwickelt, aber wir wissen: Wir hören bereits im Mutterleib. Hören ist der erste entwickelte Sinn.
Der Ungar Zoltan sagt beim Vorstellen seines Buches “Labyrinthos” unter anderem: «Das Abschreiten der Labyrinthwindungen vertieft und erweitert die Aufnahmefähigkeit des Innenohrs.»
Na, dann ab ins Labyrinth!
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Der Kongress tanzt
Die Energie des Tanzes fließt in den Stein.

Auch Schauen ist Genuß.
Auch Schauen ist Tun.
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Geburt eines Kindes
Eine Passantin fragt mich eindringlich: «Wird es auch Kinder geben?»

Kurz darauf sehe ich ein Kind. Eine erste Tochter wird geboren. Ich bin ganz aufgeregt.
Noch ist sie ein wenig verhutzelt, mit unförmigem Kopf. Sie ruht zwischen der Halskuhle von “Mutter Erde” und Ihrem alles zulassenden großen Ohr.
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Die Brunnentochter
Im dunklen Teil des Steines, neben dem frisch geborenen Töchterchen, gibt es eine
Stelle, die mag ich sehr. Ich möchte sie gerne erhalten und zugleich auch
hervorheben. Doch wie schaffe ich das?

Ich gehe im äußersten Ring des Labyrinthes und sehe die Antwort: Eine Nixe kommt zum Vorschein. Melusine nenne ich die pausbackige dralle Tochter des Wassers. Lahn und Mühlgraben, die die Cholchester-Anlage umfließen, grüßen uns in ihr –
aber mehr noch! Die Wesen des wiedergefundenen Brunnens im “dunklen” Teil der liegenden Acht, der Lemniskate, machen sich sichtbar. Sei willkommen, Du Brunnentochter!
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Weiterentwicklung des Kindes
Je klarer Melusine ihre Gestalt annimmt, umso vollständiger wird auch die
erstgeborene Tochter von “Mutter Erde”.

Ein kraftvoller Arm zeigt sich und schließlich sogar Po und Bein der Kleinen. Der Nixenschwanz der Brunnentochter – auch an eine Hand erinnernd – hält dem Kind einen Apfel hin, auf dem es in die Zukunft reitet.
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Gehörgang
Nun, da Melusine und die erstgeborene Tochter ein so beziehungsreiches Spiel spielen,
irritiert mich das noch unfertige zweite Kindergesichtchen neben dem Ohr von
“Mutter Erde”. Auf einmal ist es zuviel. Ich stehe vor einer schwierigen
Entscheidung. Kann ich verantworten, es wieder herzugeben? Schweren Herzens entscheide
ich mich für den Abschied.

Abends durchlebe ich tiefe Trauer. Ich grüße alle Kinder und alle Mütter, die diesen Weg miteinander gegangen sind. “Mutter Erde” weiß um das Kommen und Gehen und Wiederkommen von Leben. Der Embryo in ihrem Ohr kündigt schon seine nächste Geburt an.
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65 Töchter und ein Baum
Für zwei Tage bestimmen 65 Töchter von “Mutter Erde” das Treiben
im und am Labyrinth. Fröhliche, offene, hoch motivierte Mädchen im Alter von
10 bis 16 Jahren bevölkern den Platz mit ihrem Engagement und ihren Ideen.

Viele hatten Spass daran, sich gegenseitig mit der Digitalkamera zu fotografieren, ihre Wünsche und Träume auf die Rückseite des Fotos zu schreiben und das Ganze an einen Wünschebaum zu hängen: «Ich wünsche mir, daß meine Eltern gesund bleiben. Und meine Zeugnisse und Noten gut sind. Und ich will wie meine Schwester sein.»
«Mein Traum ist es, überall hinfliegen zu können und daß keiner mich aufhalten kann.»
Nun hat der Wind seine Freude daran, die Wünsche und die Träume in die Welt zu tragen.
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Die Lichter-Acht
Ein nicht aufgeschriebener, aber am Vortag in der Mitte des Labyrinthes
ausgesprochener Wunsch wird wahr: Rot und blau bemalte Butterbrot-Tüten, mit
Sand beschwert und mit Teelichtern beleuchtet, kreuzen sich am Stein und machen
erstmalig die Lemniskate zwischen dem Labyrinth- und dem Brunnenplatz optisch sichtbar.

Mit Klanginstrumenten schreiten die Mädchen in der Dunkelheit begeistert an ihrem Werk – der Acht aus Lichtern – entlang. Später liegen überall kleine Grüppchen im Schlaf beieinander.
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Die Rückseite
“Mutter Erdes” rechte Schulter gibt Ihr Geheimnis preis. Ich möchte
eine Spirale arbeiten, aber der Stein macht nicht mit. Immer mehr bricht unter dem
Meißel weg.

Bis sich schließlich eine große Mondsichel frei bricht und den Vollmond umrundet. Schlicht und sehr klar. Überrascht und mit Freuden heiße ich sie willkommen. Die, die den Prozeß verfolgt haben, tun es ebenso. Wir sind uns einig, daß das, was der Stein hervorgebracht hat, besser ist, als was ich gewollt hatte. «Eine Mondfinsternis» ist der Kommentar aus einer Schulklasse. «Sie zeigt Ihre Nachtseite» der einer anderen Besucherin. Ja, und die “Nachtseite” korrespondiert mit dem “dunklen” Brunnenplatz mit seiner kraftvollen Tiefe. Eine Gruppe am Labyrinth trifft sich zu Gartengesprächen, während ich dem Stein Wurzeln gebe. Zwei Tage später ist Vollmond. Pflanz-Zeit?
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Die linke Seite
Die rechte Seite von “Mutter Erde” droht mit Ihrer Lebendigkeit sehr
rechtslastig zu werden. Links wartet das vom Stamm eines Baumes vor Jahrhunderten
gestaltete Haar oder – wie andere es sehen – das in Spanien bei Frauen
übliche Spitzentuch darauf, erkennbar zu werden.

Ich folge diesem Warten und trenne das Haar oder Spitzentuch von dem sichtbar werdenden großen Flügel. “Mutter Erdes” linke Seite gewinnt Gestalt.
Nun sind alle Elemente da! Der Flügel als Repräsentantin der Luft.
Die Blitze als Repräsentantin des Feuers.
Die Wurzeln, aber auch Kind und Apfel, als Repräsentantinnen der Erde. Und Melusine, die Brunnentochter, als Repräsentatin des Wassers.
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Bei Nacht
Die Nacht läßt Lava-Glut im Stein aufleuchten.

Und Melusine wird noch präsenter und plastischer in ihrer Freudigkeit und Keckheit.
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22. Juli, Freitag Abend
Der Stein ist fertig! Eingebettet in die Veranstaltung von Lisa und Sabine treffen
sich – nur über Mund zu Mund Reklame – wundervoll viele Menschen, um
ihn in einem Ritual «Mutter Erde und ihre Töchter» dankend dem
Labyrinthplatz und der Cochesteranlage zu übergeben.

Wir beginnen am wieder entdeckten Brunnenplatz. Sigrid mischt energetisiertes Wetzlarer Wasser mit einem von Maria Zempf in der Welt gesammelten Wasser und dem vom BergWasser Labyrinth bei Göschenen in der Schweiz. Wetzlar, die Labyrinthwochen und der Internationale Labyrinth-Kongress mischen sich noch einmal in diesem neuen Wasser, um “Mutter Erde und ihre Töchter” mit ihm würdig zu taufen und sie zu bedanken. Wer immer dieses Ritual mit Wasser aus der eigenen Gegend erweitern möchte, ist auch in Zukunft dazu herzlich eingeladen. Vielleicht kann “Mutter Erde” in Wetzlar nicht nur zum Denk-, sondern zum DANK-mal werden: ein Ort, wo sich Einzelpersonen, private und politische Gruppen treffen, um Anerkennung zu geben und «danke» zu sagen für das, was gut ist im privaten wie im öffentlichen Leben. Der Labyrinthplatz in Wetzlar trüge damit dazu bei, die Welt um einen sinnvollen Aspekt des Lebens zu bereichern.
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Vorher – nachher
Hier steht Sie, “Mutter Erde”, am Ort Ihrer neuen Bestimmung: Beim
Labyrinth in der Colchester-Anlage in Wetzlar. Viele Menschen sind dabei gewesen oder
immer wieder gekommen, um den Prozeß Ihrer Entstehung mitzuerleben. Viele, viele
Gespräche hat Sie mit Ihrem großen, alles zulassenden und wahrnehmenden Ohr
mithören können. Mit großem Wohlwollen hat Sie es getan und wird Sie
es auch in Zukunft tun. Dessen bin ich gewiß.

Ob Sie eine Nachfahrin der Maya aus Mexiko ist oder aber Qualitäten einer Sphinx aus Ägypten hat – häufigst genannte Assoziationen von Interessierten –, das sei dahingestellt. Was Sie aber im Steinbruch schon war und immer noch ist: Sie ist alt ehrwürdig und wie schon immer da gewesen. Ich danke Ihr für Ihre Präsenz.
Weitere Informationen
Website des Labyrinthprojekts Wetzlar:
Nähere Angaben zum





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